Das entspricht genau dem, was ich früher im Studium auch so gelernt habe
Vorneweg möchte ich eine kleine Geschichte und ein bisschen Input über mich und meine Familie und meine Studienzeit ergänzen.
Ich selbst habe im Alter von 2 Jahren meinen Vater verloren, weil meine Eltern sich trennten, Ob ich dadurch einen Schaden erlitt, ist schwer zu sagen, ich würde selbst das nicht ausschließen, auch wenn mir die restlichen Bezugspersonen, nämlich Mama, Oma und Opa erhalten geblieben sind. Ich wuchs mit meiner Mutter bei ihren Eltern auf.
Meine Ehe hat nicht gehalten. Die Probleme, die ich später mit meinem Ehemann ein Leben lang hatte, sehe ich darin, dass wiederum seine Mutter, die mit 9 ihre eigene Mutter verlor, weil die starb und dann eine Stiefmutter bekam, die die eigenen Kinder vorzog, oft wegen ihrer großen psychischen Probleme monatelang in der geschlossenen Psychiatrie war und er dann wechselweise bei verschiedenen Tanten, dann wieder bei seiner Mutter und so weiter. Es wurde nie so diagnostiziert, weil mein Ex sich nie hat behandeln lassen, aber ich würde ihn als Borderliner mit allen dazu gehörenden Problemen einstufen.

Weil wir aufgrund seines selbstschädigenden Verhaltens, wo er ja immer die ganze Famillie mit reinriss, laufend extreme Geldsorgen hatten, blieben unsere vier Kinder bei meiner Mutter. Ich denke, das ging, denn meine Mutter und wir lebten zusammen, sie war ein fester Bestandteil der Familie, so dass ich denke, das war auf jeden Fall gut. So hatten meine Kinder immer eine feste Bezugsperson, auch wenn ich viel habe arbeiten müssen.

Später machte arbeiten für mich keinen Sinn mehr. Mein Ex hatte so viele Schulden gemacht, dass es für uns sogar finanzielle Nachteile brachte, dass ich gearbeitet habe. Meine Mutter wurde alt, meine Großen waren in der Pubertät und schwierig, mein Jüngster musste wegen spastischer Lähmungen umfassend beturnt werden, was meiner Mutter auch nicht wirklich gelang. Anders als mein Gehalt waren die Sozialhilfe, die meine Mama dann im Rentenalter bekan, Wohngeld und das nun wieder normal hohe Kindergeld, das während meiner Berufstätigkeit aufgrund eines zu hohen Gehalts gekürzt worden war alles keine pfändbaren Dinge. Außerdem brauchte ich kein Auto mehr, um zur Arbeit zu kommen.
Das machte es überhaupt möglich zu überleben damals. Hätte ich weiter gearbeitet, ich glaube, wir hätten spätestens nach der Zwangsversteigerung unseres Hauses aufgrund des Verhaltens meines Ex kaum überleben können .. und ich war da, um nun aufzupassen, dass er nicht noch mehr Schaden anrichtet.
Als die Kinder wiederum größer waren, habe ich dann eine Weile die Schulbank gedrückt, das Abitur nachgemacht, den NC für Psychologie und auch Sozialpädagogik geschafft, der unter 2 lag und so jeweils eine Weile Psychologie und Sozialpädagok studiert .. aber es war mir später mit der großen Familie doch zu viel.
Da habe ich aber genau das gelernt .... Kinder brauchen eine feste Bezugsperson. Wenn das die eigene Mutter sein kann, ist das am allerbesten.
Und das besser noch länger als bis 3 Jahre ... noch besser ist es, sie erst mit 5 in die Vorschule und dann in die Schule zu schicken und gar nicht früher in den Kindergarten, so habe ich das im Studium gelernt.
Meine Erfahrung mit meinen Kindern war die, dass die auch erst in diesem Alter wirklich freiwillig länger in der Nachbarschaft ohne mich oder Mama mit anderen Kindern spielen gingen.
...
Und nun noch eine kleine andere Geschichte über meine älteste Tochter als Kleinkind.
Eine Cousine meiner Mama, die an der Westküste Schleswig-Holsteins zu Hause war, war gestorben. Natürlich kannten meine Kinder auch meine Schwiegereltern, aber wiederum natürlich nicht so gut wie sie meine Mutter, die ja bei uns wohnte, kannten. Schwiegereltern haben wir früher häufig, aber natürlich nicht immerzu besucht, halt sonntags oft und an Feiertagen und so weiter.
Wir hatten damals erst Vanessa, mein erstes Kind. Die war ungefähr 8 oder 9 Monate alt. Und eigentlich war sie ein ziemliches Fremdelkind.
Schwiegermama meinte, wir sollen ruhig zu dieser Beerdigung fahren, sie würde schon mit ihr fertigwerden.
Das war leider nicht so.
Wir waren einige Stunden weg, denn wir wohnten damals in Schellhorn bei Preetz in Schleswig-Holstein an der Ostküste Holsteins, die Beerdigung fand aber in der Nähe von Husum statt.
Als wir zurückkamen, hatte sich meine Tochter komplett zugeschrien. Schwiegermutter war mit den Nerven am Ende. Es war ihr nicht gelungen, unsere Tochter zu beruhigen, obwohl sie sie ja gut kannte.
Ich habe später keins meiner Kinder mehr stundenlang bei meiner Schwiegermutter gelassen, als sie klein waren. Sie konnte mit den Kindern spielen, wenn sie zu Besuch da war oder wir sie besucht haben, das musste reichen.
Vanessa war zeitlebens .. und es gab nur diesen einen Tag, wo sie diese panische Angst stundenlang hat aushalten müssen ... anders als ihre Geschwister, schwieriger, unsicher, weniger selbstbewusst, nicht durchsetzungsfähig und so weiter.
Es könnte damit zusammenhängen, dass sie sich so entwickelt hat, dass wir sie nur an diesem einen Tag mit einer für sie eben doch zu fremden Person alleine gelassen haben.
...
Inzwischen lebt meine Mutter nicht mehr. Ich habe kaum Kontakt zu unseren Kindern, ich bin nicht wichtig für sie. Ich liebe meine Kinder, aber denke, die enge Bindung hatten sie eben an die Frau, denen ich sie als Babys überlassen habe, meine Mama.
Ich würde mir das im Nachhinein betrachtet, nicht nochmal antun, denn es ist schwer, wenn man Kinder hat, die man über alles liebt und kaum miterleben kann, wie es ihnen als Erwachsenen geht, weil sie allenfalls einen ganz losen Kontakt zulassen.
....
Ich finde diesen Text so wichtig, dass ich den einfach mal komplett auch in unseren Blog übernehme und hoffe, man nimmt mir das nicht übel. Wo man das Buch kaufen kann und so weiter, findet Ihr über den Link unten zusätzlich.
...
Sehnsucht kleiner Kinder
Fremdbetreuung: Wie kleine Kinder unter der Trennung von den Eltern leiden
Aktualisiert am 07.01.2020 | 14:41
Wie geht es Kleinkindern in Kitas und Krippen wirklich? Die Frage wird
kontrovers diskutiert. Hanne K. Götze, Autorin des Buchs "Die Sehnsucht
kleiner Kinder", erklärt anhand von wissenschaftlichen Fakten in diesem
Gastkommentar, warum sie eine frühe Fremdbetreuung von Kindern für
gefährlich hält.
Spätestens ein Jahr nach der Geburt eines Kindes haben die
meisten Eltern in Deutschland eine schwere Entscheidung zu treffen:
Wollen wir unser Kind in einer Krippe fremdbetreuen lassen? Oder
erziehen wir es lieber selbst?
Manchen Eltern bleibt aus
finanziellen Gründen gar keine Wahl, sie sind auf zwei Gehälter
angewiesen. Andere entscheiden sich für die Fremdbetreuung, weil sie
glauben, dass ihr Kind von den frühen sozialen Kontakten in der Kita
profitieren würde.
Doch wie geht es kleinen Kindern mit der Trennung von ihren Eltern wirklich? Hanne K. Götze, Autorin des Buchs "Die Sehnsucht kleiner Kinder",
erklärt anhand von wissenschaftlichen Fakten sowie eigenen Erfahrungen,
wie sie zu der Überzeugung gelangte, dass Kinder unter drei Jahren, die
außerhalb der Familie fremdbetreut werden, sehr stark leiden. Dieser Gastkommentar ist ein Auszug aus ihrem Buch:
Es gibt viele innere und äußere Gründe, die Eltern daran hindern, mit
ihren Kleinkindern in der spürbaren Nähe zu leben, die für eine gesunde
Entwicklung der Kinder so entscheidend ist.
Einerseits hat sich
in den letzten Jahren einiges Positives getan, damit eine gute
Mutter-Kind-Beziehung entstehen kann, etwa bei der Betreuung rund um die
Geburt und hinsichtlich der Stillförderung (z. B. zertifizierte
„Babyfreundliche Kliniken“). Andererseits herrscht ein
gesellschaftliches Klima vor, das ganz andere Erwartungen an Mütter hat
als ihre Kinder.
Die Mutterliebe und das Da-Sein werden kleingeredet, ja für unnötig bis schädlich gehalten,
hält man dadurch doch sein Kind von der vermeintlichen „Bildung“ in der
Krippe fern. Eine lückenlose Erwerbstätigkeit der Mütter – und damit
beider Elternteile – ist zum Ideal erklärt worden. Die finanzielle Lage
von Familien wird zudem immer schwieriger. (Dass das eine mit dem
anderen zusammenhängt, werden wir noch sehen.)
Infolge dieses
Klimas wird die Mehrheit der Kleinkinder in den neuen Bundesländern
meist in Einrichtungen betreut, und zwar schon seit zwei bis drei
Generationen. Im Westen werden es immer mehr. Die Frage ist nun: Kann in
einer Krippe die Sehnsucht kleiner Kinder, die ihnen instinktiv
eingegeben ist, gestillt werden?
Die Reaktion der Mutter
Die meisten Kinder schreien, wenn die
Mutter (oder ggf. eine andere Primärbindungsperson) geht – zumindest in
der Fremdelphase etwa ab dem 8. Monat.
Wenn die Mutter geht
oder nicht mehr sichtbar ist, heißt das für das Empfinden des Kindes,
dass seine Mama weg ist – unwiederbringlich und bis in alle Ewigkeit. Bei
meinen Vorträgen zeige ich gern einen kurzen Film, nämlich das „Still-
face experiment“, das der Kinderpsychologe Edward Tronick an der Harvard
University in Cambridge durchgeführt hat:
Was ist zu sehen?
Zunächst ist die Mama dem kleinen Kind (schätzungsweise etwa zehn bis
zwölf Monate alt) im vertrauten Zwiegespräch zugewandt. Dann dreht sie
sich abrupt weg, um sich anschließend wieder dem Kind zuzuwenden. Ihr
Gesicht jedoch bleibt stumm und völlig unbewegt. Das Kind wendet dann
alles in seiner Macht Stehende auf, damit die Mama wieder reagiert. Es
beugt sich nach vorn, streckt seine Ärmchen aus, zeigt auf etwas,
quietscht laut. Als alles umsonst ist, schreit es herzzerreißend. Das
alles dauert insgesamt kaum zwei Minuten. Dann hält es auch die Mama
nicht mehr aus, sie tröstet ihr Kind – und es lächelt wieder, noch unter
Tränen.
Tief berührend bekommen wir hier vor Augen geführt, dass
das Nichtreagieren der Mutter offenbar das Gleiche bedeutet wie
Abwesenheit. Emotionale Abwesenheit (innere Distanz) ist also das
Gleiche wie räumliche Abwesenheit (äußere Distanz bzw. Trennung). Beides
kann eine unsichere Bindung mit allen ihren möglichen Folgen
verursachen.
Das erscheint mir wichtig für Diskussionen um
Krippenbetreuung, denn oft heißt es, dass es ja auch nicht gut sein
könne, wenn die Mama zwar anwesend sei, aber andauernd nur auf ihr Handy
starre. Natürlich ist auch das nicht gut, weil die Mutter emotional
nicht anwesend ist. Wenn die Mama räumlich und emotional anwesend ist,
dann fühlt sich für ein Kind das Leben richtig an; wenn sie jedoch
abwesend ist, fühlt sich sein Leben total falsch an.
Meine eigene Kita-Erfahrung
Wenn die Mama fort ist, springt
im Kind der Überlebensinstinkt „Bindung“ auf Alarmstufe Rot: Die Mama,
die ich liebe und die mich liebevoll umsorgt, ist weg!
Die Abwesenheit der Mutter löst Existenzangst aus.
Das kann ich aus eigenem schmerzlichen Erleben bestätigen, denn ich
erinnere mich an meine eigene kurze Krippenzeit ab 2 1⁄4 Jahren. In
meinem Buch „Kinder brauchen Mütter“ habe ich meine Erinnerungsbilder im
Einzelnen beschrieben, hier deshalb nur so viel: Wenn meine Mutter mich
verließ, schrie ich bis zur Erschöpfung.
Es war für mich wie ein
Sturz ins Bodenlose; ich kam mir vor, als hinge ich über einem Abgrund,
um jeden Augenblick losgelassen zu werden. Ein Gefühl großer
Verlorenheit erfasste mich. Meine Welt stimmte nicht mehr. Es war für
mich wie die Vertreibung aus dem Paradies. Während ich vor dem
Krippeneintritt nie krank wurde, war ich dann eine Woche dort und
anschließend vier Wochen krank.
Ich bin meinen Eltern unendlich
dankbar dafür, dass sie das nach kurzer Zeit beendeten, trotz des
sozialistischen Systems samt entsprechenden Anfeindungen aus
Nachbarschaft und Kollegenkreis sowie finanziellen Engpässen. Meine
Mutter empfand diese Zeit als eine der schwärzesten ihres Lebens, und
wir waren beide froh, schließlich wieder zusammen sein zu können. Mir
hat dieses Erlebnis eine schwere Wunde geschlagen, die lange brauchte,
um zu verheilen.
Die Neigung zu asthmatischer
Bronchitis
hat sich bis heute erhalten. Seelische Narbenschmerzen spüre ich auch
heute noch, wenn diese Wunde berührt wird – wenn ich miterlebe, wie
Kinder abgegeben werden und nach ihrer Mama schreien, wenn Politiker von
„Bildung in der Krippe“ schwärmen ...
Jahrelang hoffte ich, dass
andere ihre Krippenzeit nicht so empfunden hätten bzw. empfänden wie
ich. Doch als ich selbst Kinder hatte, begann ich, daran zu zweifeln,
und fand das auch durch Untersuchungsergebnisse bestätigt. Der
Hauptstress eines betreuten Kindes unter drei Jahren ist nachweislich
die Trennungssituation. Aber warum ist das so?
Warum Kinder unter der Trennung von den Eltern leiden
Die
frühe Kindheit ist das Zeitfenster für die sichere Bindung. Die Kinder
spüren, dass sie jemanden brauchen, der sie elementar versorgt, und
wollen sich dieser Person sicher sein. Sie haben weder für Raum noch für
Zeit ein ausreichendes Gefühl. Ihre räumliche Erfahrung entspricht
zunächst nur ihrem noch kleinen Aktionsradius, also den wenigen
Schrittchen, die sie bis dahin eventuell schon gehen können, bzw. der
Reichweite, innerhalb derer sie sehen und hören können.
Die Kinder begreifen weder, wohin die Mutter geht, noch, wie lange es bis zu ihrer Rückkehr dauert.
Ihr Lebensgefühl besteht aus dem Augenblick. Deshalb können sie es
weder geistig noch seelisch erfassen, wenn die Mama sagt, sie komme
„gleich“ oder in ein paar Stunden wieder. Noch viel weniger können sie
nachvollziehen, warum sie geht. Sie kennen schließlich die komplizierte
Welt der Erwachsenen noch nicht.
Die Kinder empfinden das Weg-Sein der Mutter als einen endgültigen, ewigen Fakt. Sie haben Liebeskummer, denn ihre erste große
Liebe
hat sie verlassen. Sie trauern. Es ist wie ein Warten ohne Hoffnung auf
ein Ende. Wenn man die Kleinen etwa beim Spazierengehen in den
Krippenwagen sitzen sieht, wirken sie oft erschöpft und an ihrer
Umgebung desinteressiert. Strahlende Kindergesichter sucht man
vergebens. Auf Zeitungsfotos lächeln nur die Erzieherinnen in die
Kamera.
Eine Frühpädagogin aus Sachsen-Anhalt, die beruflich
tagtäglich in Kitas unterwegs ist, schrieb mir kürzlich Folgendes in
einem Brief: „Die vermeintlich frühe Sozialisation der so jungen Kinder
ist von Schreien und Weinen begleitet, von merklicher Apathie, teils
extremen Ängsten gegenüber Fremden und durch spürbare Teilnahmslosigkeit
[...]. Eine beobachtbare, deutlich hervortretende Trauersituation
[...].
Manche Kinder sitzen wie Klammeräffchen auf dem Schoß der Erzieherin
und weinen stundenlang vor sich hin. Es bietet sich ein Bild des Elends
und der Verlassenheit.“ Schönes Spielzeug und eine gute Ausbildung der
Erzieherinnen ändern nichts am Trennungsschmerz.
Diesem liegt
zugrunde, dass das Kind sein inneres Bild von der Mutter noch nicht
stabil im Gedächtnis aufrechterhalten kann, wenn sie fort ist. Verbleibt
ein Kind in dieser Trennungssituation, spricht man von einer
Deprivation, deren Folgerisiken umso stärker ausfallen, je länger die
Trennung bzw. ein bindungsarmer Zustand anhält.
Stressfaktoren in der Kita
Neben
der Trennungssituation gibt es in der Krippe noch weitere
Stressfaktoren: Da ist zunächst die Erzieherin (selbst wenn sie
freundlich zugewandt ist), weil sie fremd ist. Da sind die vielen
anderen Kinder.
Ohne die Mama oder den Papa im Rücken ist diese Situation für das Kind unübersichtlich und orientierungslos. Hinzu kommt der damit verbundene Lärmpegel – eine
finnische Studie von 2008 ergab, dass allein schon zwischen 67–71 Dezibel und 84–87 Dezibel die Gehirnentwicklung beeinträchtigen können.
Zudem gibt es in Deutschland
keinen bundesweit verbindlichen Betreuungsschlüssel,
der festlegt, wie viele Kleinkinder auf eine Erzieherin kommen dürfen.
Während Experten etwa drei (allerhöchstens fünf) Kinder pro Erzieherin
für verantwortbar halten, liegt der bundesweite Durchschnitt wohl beim
Drei- bis Vierfachen davon. Der menschlichen Natur entspricht es, nicht
mehr als Zwillingskinder zu haben. Und jeder weiß, dass das bereits eine
Herausforderung ist. Laut NUBBEK-Studie von 2013 können nur 3 % der
Krippen in Deutschland diese Qualität der Betreuung sicherstellen; mehr
als die Hälfte muss als unzureichend bezeichnet werden.
Dazu kommt als weiterer Stressfaktor ein häufiger Erzieherwechsel
aufgrund von Krankheit, Urlaub und Schichtdienst der Erzieherinnen. Es
bleibe weder Zeit noch Kraft für die Einfühlung, schrieb eine Erzieherin
auf der Internet-Plattform fuerkinder.org: Die meisten Einrichtungen
würden weit hinter dem zurückbleiben, was sie in ihren
Hochglanzprospekten versprechen. Wenn die Eltern wüssten, was vielfach
wirklich los sei, würden sie entsetzt sein. Viele Erzieherinnen hielten
diese Belastung nicht lange durch – die Situation führe auch zu
Misshandlungsfällen.
Einen tiefen und erschütternden Einblick in
die Lage von Krippenkindern bieten die von dem Psychiater Serge Sulz
gesammelten und veröffentlichten Berichte von Müttern: wie sie die
Wesensveränderungen und das Weinen der Kleinen wahrnahmen, wie sie
dennoch auf die Erzieherinnen hörten, die ihnen sagten, dass das normal
sei und vergehen würde, wie ihnen während der Eingewöhnungsphase ihres
Kindes auch die Not anderer Kinder auffiel und dass sie oft nur durch
Zufall erfuhren, wie es ihren Kindern wirklich ging.
Sie
beschreiben das Ringen mit ihrem Gefühl, dass dies alles wohl so nicht
richtig sein könne, und den Erwartungen unseres gesellschaftlichen
Klimas, ehe sie genug Kraft dazu hatten, ihr Kind wieder zu sich nach
Hause zu holen und den Beruf noch einmal zurückzustellen.
Kita: Nur 8 Minuten Zeit pro Tag für jedes Kind
Folgendes
bedenkliches Vorkommnis berichtete mir eine ältere Dame aus einer
mittelgroßen Stadt in Thüringen: Sie habe im Supermarkt an der Kasse
gestanden, um zu bezahlen. Da sei eine Krippenerzieherin mit einem Wagen
hereingekommen, in dem sechs Kinder zwischen einem und eineinhalb
Jahren saßen. Diese habe den Wagen mit den Kindern einfach
unbeaufsichtigt am Eingang abgestellt und sei dann für längere Zeit mit
ihrem Einkaufskorb zwischen den Regalen verschwunden.
Daraufhin sei die ältere Dame selbst hinübergegangen, um auf die
Kinder aufzupassen. Sie sei fassungslos über dieses Verhalten gewesen,
aber auch darüber, dass die
Kinder allesamt so still und teilnahmslos im Wagen sitzengeblieben
seien. Das war sicher ein seltener und grober Fall von
Verantwortungslosigkeit. Aber auch der kann vorkommen, ebenso wie
elterliches Versagen.
Laut einer Studie des britischen Innenministeriums gibt es
an einem durchschnittlichen Krippentag nur acht Minuten persönliche Zuwendung pro Kind.
Erzieherinnen haben meist nicht nur zu viele Kinder zu betreuen, es
sind eben auch nicht ihre eigenen. Sie haben nicht die exklusive innere
Kompetenz für das individuelle Kind, die eine Mutter durch ihre Bindung
hat bzw. erlangen kann. Auch ist ihr Hormonhaushalt nicht darauf
eingestellt. Ihr Verhältnis zu den Kindern ist ein Dienstverhältnis, das
nach Feierabend endet.
Die Krippenforscherin Lieselotte Ahnert
sieht bei ihnen ein gruppenorientiertes Betreuungsverhalten, während
eine Mutter individuell auf ihre Kinder eingeht. Eine
„Bindungssicherheit zu einer Erzieherin [werde] wahrscheinlich weniger
entwickelt als zu den Eltern“. Bei Mutter und Kind spielt schon von
Anfang an mit hinein, dass die Beziehung eine elementare und lebenslange
ist.
Zusätzlich müssen die Kinder mit Krippeneintritt ihren
individuellen Lebens- und Bedürfnisrhythmus an die Abläufe in der
Einrichtung sowie an die Arbeitszeiten der Eltern anpassen. Letztere
richten sich jedoch vorwiegend nach den Wirtschaftsinteressen der
jeweiligen Unternehmen, in denen diese arbeiten, nicht nach den
Bedürfnissen der Kinder.
ErzieherInnen verzweifeln an den Bedingungen
Eine
Krippenerzieherin aus Mecklenburg-Vorpommern beschreibt folgende
besonders intensive Stresssituationen als typisch für ihren
Berufsalltag: „Zum Beispiel das An- und Ausziehen, wenn man mit ihnen
ins Freie gehen will: Viele Kinder auf engem Raum: die einen schwitzen
schon, die anderen sind noch nicht angezogen. Weiter sind die
Mittagszeiten mit Essen bzw. Füttern sowie Fertigmachen zum
Schlafenlegen ganz schlimm: alle sind müde, viele schreien, die Nuckel
werden weggenommen, Kuscheltücher werden weggenommen, weil sie z. B.
nicht an den Mittagstisch gehören.
Das Schlafengehen kann nicht
individuell gestaltet werden. Wird ein Kind zu früh wach – kriegen die
anderen nicht genug Schlaf. Am Nachmittag löst sich dann die Gruppe auf,
weil einige Kinder abgeholt werden. Die Kinder, die länger bleiben
müssen, kommen mit den anderen Kindern der Einrichtung in den
Spätdienst: d. h. wieder neue Kinder – wieder eine neue Erzieherin. Ab
einer gewissen Zeit, ca. ab 16.00 Uhr, stehen die Kinder z. B. am Zaun
und warten nur noch oder weinen schon nach der Mama.“
Diese
Erzieherin hat ihren Beruf schließlich aufgegeben, weil sie es nicht
mehr ertragen konnte, dass die ihr anvertrauten Kinder trotz größter
Mühe litten und sie ihnen selbst durch erhöhten Zeitaufwand dennoch
nicht das schenken konnte, was sie wirklich brauchten: ihre Mama.
Doch Erzieherinnen stehen nicht nur wegen des Personalmangels unter Druck.
Eine einfühlsame und bindungsorientierte Art ist häufig gar nicht erwünscht
– bei manchen Kolleginnen nicht, aber offensichtlich auch grundsätzlich
nicht. In einem unter Pseudonym veröffentlichten Artikel wird folgende
persönliche Erfahrung weitergegeben: Im Bundesland der Autorin gebe es
Hospitationen von sozialpädagogischen Expertinnen in Krippen, die die
erzieherische Wunschvorstellung der Landesregierung verträten. Eine
solche habe eine wunderbare Erzieherin folgendermaßen beurteilt:
Sie
sei ein herzensguter Mensch, „[a]ber gerade solche Menschen wie Sie
brauchen wir in den Krippen nicht. Das behindert die Kinder in ihrer
Exploration [Erkenntnisgewinn, Anm. d. A.] und wirft sie zurück.“ „Das
Ziel der Expertin ist keinesfalls das gut mit Bindung und Nahrung
versorgte Kleinstkind. Im Gegenteil, es sollte immer ein wenig schlecht
versorgt sein, damit es den Anreiz hat, sich weiterzuentwickeln.“ Also
Förderung von Entwicklung „aus einer distanzierten Haltung und
bindungsmäßigen Zurückhaltung“ heraus, schlussfolgert diese Autorin.
Distanz als pädagogisches Prinzip! Die sozialistische Pädagogik lässt
grüßen.
Was ein Kita-Tag für ein Kleinkind bedeutet
Ich möchte noch einmal zusammenfassen, was das alles für ein kleines Kind heißt:
Es muss jeden Tag aufs Neue mit der Trennung fertigwerden. Jedes
Unwohlsein, jedes „Böckchen“, jedes Aua, jeder Kummer wegen eines
weggenommenen Spielzeugs usw. muss immer vor „Publikum“ und sozusagen
bei fremden Leuten durchgestanden werden. Die Signale, die es aussendet,
werden kaum wahrgenommen oder verstanden. Die Mama ist nicht da. Und
die Erzieherin, an die es sich möglicherweise langsam gewöhnt hat, ist
auch nicht immer da.
Außerdem gibt es noch so viele kleine
Konkurrenten um ein wenig Zuwendung. Das ist Stress pur: Die Kinder
müssen sich den ganzen Tag lang auf einer höheren emotionalen Reifestufe
bewegen, als sie tatsächlich sind.
So ist es kein Wunder, dass sich die Kinder in der Trennungssituation anders verhalten als im vertrauten Bindungszusammenhang.
Ihr Spielverhalten verändert sich. Der
Prager Forscher Zdeněk Matějček stellte bereits in den 1970er-Jahren
fest: Das Spiel wird inhaltsärmer, stereotyper und weniger
ausdauernd.xxi Manche Kinder reagieren auch mit verstärkter
Aggressivität oder mit innerem Rückzug. Eine finnische Studie von 1979
ergab: Isolation/Rückzug treten bei 54 %, Unruhe bei 66 %,
Hyperaktivität bei 21 %, Zorn bei 34 %, Schlaf- und Essstörungen bei
31–56 % der Kinder auf.
Einmal beobachtete ich eine Gruppe von 15
etwa Zweijährigen, die mit ihren beiden Erzieherinnen alle still und
artig spazieren gingen. Keines tanzte aus der Reihe, keines lief davon,
weil es etwas Interessantes gesehen hatte, noch regte sich überhaupt
eines von ihnen. Was für ein Erziehungserfolg, mag man denken. Aber der
Schein trügt: Wenn so kleine Kinder sich wohlfühlen, sind sie im
Allgemeinen kaum zu halten. Da hat man mit einem einzigen schon genug zu
tun, geschweige denn mit fünfzehn!
Diese Artigkeit und Angepasstheit zeugen eher von Stress und
Resignation, denn dadurch haben die Kinder weniger Lust darauf, die Welt
zu erkunden. Außerdem fehlen ihnen Mama oder Papa, die die positiven
Gefühle beim Erforschen der Umgebung spiegeln. Die Familientherapeutin
Erika Butzmann kommentierte zum Beispiel den Film „Krippenkinder“ der
Deutschen Liga für das Kind von 2011 folgendermaßen:
„
Die Kinder lachen nicht, aber sie funktionieren.
Sie räumen zum Beispiel den Tisch ab und waschen das Geschirr ab. Aber
ohne Freude am Tun wird die Erfahrung als Lerninhalt nicht gespeichert,
so die Ergebnisse der Hirnforschung.“
Dennoch wird überall die schnelle Selbstständigkeit der Kinder gerühmt;
man
lobt die Krippe als Bildungseinrichtung, obwohl bei Kleinkindern die
Bildung – sprich: das Lernen – noch direkt an das Glücksempfinden im
sicheren Bindungszusammenhang gekoppelt ist. Dieses Glück kann aber eine
Krippe selbst bei größter Mühe nicht erzeugen.
Kita-Kinder sind häufiger krank
Eine
weitere Reaktion der betreuten Kinder unter drei Jahren auf die
Stressbelastung ist ihre Flucht in die Krankheit. Ein Blick in die
Wartezimmer der Kinderarztpraxen zeigt massenhaft Infekte der Atemwege,
des Magen-Darm-Traktes und des HNO-Bereiches. Ende der 1980er-Jahre –
also noch zu Zeiten der DDR – ergab eine Studie, dass ein Krippenkind an
durchschnittlich 70 Arbeitstagen krank war. Sie kam sofort als „VD“ (
„Vertrauliche Dienstsache“) unter Verschluss, damit die Ergebnisse nicht
öffentlich wurden.
So referierte es der Kinderarzt Manfred Kalz auf dem Internationalen Familienkongress in
Dresden
1991. Das deckt sich mit den Ergebnissen einer Studie der Kinderärztin
und Soziologin Eva Schmidt-Kolmer an 6000 Krippenkindern zwischen 1971
und 1973, nämlich „ein erhöhtes Auftreten von Infektionen, insbesondere
spastische Bronchitiden und Mittelohrentzündungen“.
Studien, die Anfang der 1990er-Jahre von den Forschern René Spitz,
László Velkye und Jiří Dunovský durchgeführt wurden, haben belegt:
Epidemische, also ansteckende Erkrankungen treten bei 83 % der
Krippenkinder gegenüber 5 % der häuslich betreuten Kinder auf.
Eine umfassende aktuelle Studie gibt es nicht, lediglich Einzeluntersuchungen:Bei Krippenkindern wurde
für Magen-Darm-Infekte ein um 50–400 % erhöhtes Risiko festgestellt,
für
Neurodermitis ein um 50 % höheres Risiko.
Den
Krippenkindern geht sozusagen „die Luft aus“, es geht ihnen „dünn durch
den Darm“, „es schlägt ihnen „das Herz bis zum Halse“, sie fühlen sich
„nicht wohl in ihrer Haut“. Im Verlauf der „Wiener Krippenstudie“
(2007–2012)xxx kam man u. a. zu folgendem Ergebnis: „Je jünger ein Kind
sei, desto empfindlicher reagiere es auf Stress. Auch ein Kind, das sich
sicher an seine Erzieherin gebunden fühlt, bliebe davon nicht
verschont.“ Besonders ungünstig verlaufe die Stressreaktion im Alter von
unter 25 Monaten.
Der Stress der Kinder
Wie nun kann man feststellen, ob ein Krippenkind unter Stress steht? Denn
äußerlich lässt sich das nicht immer erkennen. Stress ist objektiv
feststellbar, indem man den Spiegel des Stresshormons Cortisol im
Speichel misst. Bereits 1998 wurde dieser im Zuge der
Day-Care-Cortisolstudien in den USA untersucht. Dabei kam heraus, dass
selbst
bei höchster Betreuungsqualität bei 75 %, bei „nur“ gehobener Qualität
sogar bei fast 100 % der unter drei Jahre alten Kinder die Cortisolwerte
erhöht waren. Diese Ergebnisse wurden 2006 durch die Metaanalyse von neun Studien der Wissenschaftler Vermeer und van IJzendoorn bestätigt.
Man fand heraus, dass die Krippenbetreuung für die Mehrheit der
Kinder einer Strapaze gleicht. Sie weisen eine chronisch zu hohe
Stressbelastung auf, sogenannten toxischen (giftigen) Stress auf, wie er
etwa auch bei Spitzenmanagern zu finden ist.
Dabei finden sich bei ruhigen, unauffälligen, scheinbar gut eingewöhnten Kindern oft besonders hohe Stresswerte. Wenn
also gesagt wird, das Kind habe sich nach anfänglichem Schreien
beruhigt und nun in der Krippe gut eingewöhnt, weiß man nicht, wie es
dem Kind wirklich geht. Das lässt sich nur erahnen, wenn man seine
Cortisolwerte misst.
Aufgrund dieser Ergebnisse nahm man an, dass
allein die dauerhaft erhöhte Einwirkung des Cortisolspiegels „zu einer
Immunschwächung, gesundheitlichen Schäden, einer Herabsetzung von
Intelligenz- und Gedächtnisleistung, vermehrter Angst sowie zu anderen
irreversiblen Schäden führen“ könne. Erhöhte Cortisolspiegel verringern
außerdem die Freisetzung des sekretorischen Immunglobulin A an den
Schleimhäuten, wodurch die Abwehrbereitschaft abgesenkt wird und sich
die hohe Infektanfälligkeit der Krippenkinder erklärt.
Im Zuge der
„Wiener Krippenstudie“ stellte sich aber auch heraus, dass es bei
anhaltendem Stress nach ungefähr fünf Monaten zu einer Abflachung der
Cortisolkurve kommt – leider nicht zurück auf das normale Niveau,
sondern sogar noch unter das normale Niveau: „Das
Stressregulationssystem geht sozusagen unter dem Stress-Trommelfeuer in
die Knie“, wie es der Kinderneurologe Rainer Böhm ausdrückt.
Die Kräfte des kindlichen Körpers werden erschöpft, ähnlich dem Burn-out bei Erwachsenen.
Und
Böhm schreibt weiter, dass die stark abgeflachten Cortisolspiegel
vergleichbar mit den Werten seien, „die in den neunziger Jahren bei den
zweijährigen Kindern in rumänischen Waisenhäusern gemessen wurden.“
Dieser Zustand ist seiner Einschätzung zufolge im Hinblick auf mögliche
Folgen als ebenso risikoreich einzuschätzen wie der eines erhöhten
Cortisolspiegels.
Langzeitfolgen zu hoher Stressbelastung
Die Langzeitfolgen
einer zu hohen frühen Stressbelastung wurden im Rahmen der NICHD-Studie
untersucht, einer amerikanischen multivariaten Langzeitstudie des
National Institut of Child Health and Development an 1300 Kindern im
Zeitraum von 1991 bis 2016 unter Beteiligung von zehn Universitäten.
Diese Studie kam zu folgenden Ergebnissen:
Die Krippenbetreuung
wirkt sich unabhängig von allen anderen Faktoren, die ein Kinderleben
beeinflussen können, negativ auf die sozio-emotionale Kompetenz aus.
Je
früher und je länger Kleinkinder in Kindereinrichtungen betreut wurden,
desto stärker zeigten sie später „dissoziales“ Verhalten wie
Schikanieren, Lügen, Gemeinheiten, Sachbeschädigungen, Aggressivität
usw. Die Verhaltensauffälligkeiten lagen zwar im moderaten Bereich, aber
ein Viertel der ganztags betreuten Kleinkinder zeigte bereits im Alter
von vier Jahren ein Problemverhalten, das dem klinischen Risikobereich
zugeordnet werden musste.
Später konnten bei den inzwischen 15 Jahre alten Jugendlichen signifikante Auffälligkeiten festgestellt werden, u. a. Probleme
mit Alkohol,
Drogen, Diebstahl usw. „Nicht zu verschweigen ist ferner ein erhöhtes
Risiko für spätere seelische Erkrankungen. [...] Durch nichts zu belegen
ist dagegen die Hoffnung auf Förderung des Sozialverhaltens, [...].
Eine signifikante, moderate Förderung der Lernleistungen kann nur bei
hoher Betreuungsqualität [im Gegensatz zu niedriger
Einrichtungsqualität, Anm. d. A.] erwartet werden“, welche jedoch in der
fünften Klasse nicht mehr bestand.
Dieser Effekt trat „nach
jeder, auch nach hochqualitativer Gruppenbetreuung“ ein, und zwar
unabhängig vom Familienhintergrund und bereits bei zehn
Betreuungsstunden pro Woche. Ein von den Initiatoren völlig unerwartetes
Ergebnis, wollte doch die Studie die Unbedenklichkeit der Betreuung im
Alter von unter drei Jahren beweisen. Das konnte bislang keine seriöse
Studie!
Die gleichfalls multivariate Studie von Margit Averdijk (Institut für Soziologie der ETH
Zürich)
an 1000 Kindern 2011 bestätigte die problematischen Ergebnisse der
NICHD-Studie, welche bei Gruppenbetreuung unter drei Jahren sogar
stärker seien als bei Fällen von Alleinerziehung, Scheidung und Armut.
Es zeigte sich ferner ein Zusammenhang zwischen der Dauer des
Krippenbesuchs „nicht nur mit aggressivem Verhalten und
ADHS, sondern auch mit ängstlich depressiven Zügen bei den Siebenjährigen“.
Hohe Qualität der Krippe reicht nicht aus
Im
Rahmen der NICHD-Studie untersuchte man bei den 15-jährigen Teilnehmern
außerdem den morgendlichen Cortisolspiegel*, welcher die generelle
Stressverarbeitungsfähigkeit anzeigt: „Zwei Gruppen wiesen signifikant
niedrigere Werte in gleichstarker Ausprägung auf, zum einen Probanden,
die im Kindesalter emotional vernachlässigt wurden [...], zum anderen
die Jugendlichen, die in ihren ersten 3 Lebensjahren Gruppenbetreuung in
substanziellem Umfang erlebten, [...] unabhängig von der Qualität der
Betreuungseinrichtung. Die negativen Effekte von emotionaler
Vernachlässigung und Krippenbetreuung waren additiv wirksam, die
Tagesbetreuung konnte also ungünstige Einflüsse des familiären Umfeldes
nicht kompensieren oder abschwächen.“l (Hervorh. d. A.)
Das heißt:
Selbst
bei bester Betreuungsqualität geht die Mehrheit der Kinder mit dem
Risiko einer schlechteren Stressbewältigungsfähigkeit ins Leben. Eine
Verbesserung der Chancen von Kindern mit sozial schwierigem Hintergrund
ist nicht gegeben. Ihre seelischen Risiken steigen. Auch diesen Kindern
hilft eine Krippe also wenig.
Der renommierte
kanadische
Neurobiologe Michael Meaney konnte in Untersuchungen mit Ratten
gleichfalls Folgendes belegen: „Je intensiver die mütterliche
Brutpflege, desto [...] weniger empfindlich reagieren die Kinder im
späteren Leben auf Stress. Und umgekehrt.“ Auch hier wurden
Cortisolmessungen durchgeführt, die nicht nur ergaben, dass die
Verarbeitung von Stress und Belastungen langfristig beeinträchtigt
werden kann, sondern auch, dass sich der Mangel an Mütterlichkeit über
solche Stoffe bis tief hinein in das Erbgut hinein – niederschlägt, in
epigenetische* Mechanismen, die sogar an die nächste Generation
weitervererbt werden können.
Meaney ist der Meinung, dass diese
Ergebnisse auch auf den Menschen anwendbar seien. Er schließt daraus
unter anderem, dass z. B. für Kinder aus schwierigen Verhältnissen „jene
Hilfen am effektivsten [seien], die vor allem den Eltern helfen, mehr
Verständnis, Geduld und Umsicht bei der Erziehung ihrer Kinder walten zu
lassen.“ (Hervorheb. d. A.)
Die Bindungsforscherin Karin Grossman
schlussfolgerte bereits 1999: „Aus der Sicht der Bindungstheorie muss
man die ganztägige Betreuung von Kindern unter drei Jahren in Gruppen
mit größter Skepsis sehen.“
Gordon Neufeld schreibt, die
vorzeitige Trennung – also dann, wenn ein Kind noch nicht dazu in der
Lage sei, das Gefühl der Bindung eigenständig aufrechtzuerhalten – sei
eines der am schwersten wiegenden seelischen Traumata, deren Folgen u.
a. eine seelische Verhärtung sei: Der Mensch gestattet sich keine
Gefühle mehr, um nie wieder so verletzt werden zu können.
Böhm: Hohe Stressbelastung ist Misshandlung
Der
Kinderneurologe Rainer Böhm schätzte 2012 in der „Frankfurter
Allgemeinen Zeitung“ angesichts der Stressforschung: „Chronische
Stressbelastung ist im Kindesalter die biologische Signatur der
Misshandlung.
Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzen, ist unethisch, verstößt gegen Menschenrecht, macht akut und chronisch krank.
Dieses
Wissen hindert die Bundesregierung und Wirtschaftsverbände nicht daran,
die Erhöhung der außerfamiliären Betreuungsplätze zum Ausweis moderner
Familienpolitik zu machen.“ Er machte weiter deutlich, dass die Eltern
der ausschlaggebende Faktor für das Gedeihen und die Gesundheit ihrer
Kinder sind. Nur wenige Fachleute haben heute den Mut, sich so klar zu
äußern.
Hier sei auch noch ein weiteres Mal an das Bindungshormon
Oxytocin erinnert. Sind die Eltern anwesend, wird es im Kind freigesetzt
und hemmt die Ausschüttung schädlicher Stresshormone. Wenn die Eltern
jedoch fort sind, fällt die Oxytocinberuhigung weg – und gleichzeitig
wird die Stressregulation überlastet.
Und mehr noch: Oxytocin
bewirkt tiefes Vertrauen und ein offenes, liebendes und warmes Herz
gegenüber der Bindungsperson. Wie muss es auf das Kind wirken, wenn die
liebe Mama, von der es bisher gestillt wurde und die immer da war, die
einfach seine Welt ist, es auf einmal verlässt? Insbesondere für Kinder,
die bis zu ihrem Krippeneintritt viel mütterliche Empathie erlebt
haben, ist das hart – traumatisch, wie Neufeld es klar benannte.
Für Kinder, die zu diesem Zeitpunkt bereits unsicher gebunden sind,
verschärft sich die Lage noch. Und das kann bedeuten: Das Vertrauen des
Kindes zu den Eltern und damit zur Welt an sich wird mindestens
beschädigt. Wenn die Kleinen morgens nicht mehr schreien, oder wenn sie
beim Abholen am Nachmittag einfach weiterspielen wollen oder sich
abwenden, meinen manche Eltern, sie hätten sich erfolgreich eingewöhnt.
Bowlby
beobachtete jedoch bereits Anfang der 1960er-Jahre bei Kindern in
Trennung zunächst Protest, dann Verzweiflung und letztendlich
Gleichgültigkeit oder gar Feindseligkeit gegenüber der Mutter. Er
stellte ferner fest, dass, wenn unter ggf. günstigen Bedingungen die
Betreuung unter drei Jahren kein Trauma für das Kind bedeutet, das noch
lange nicht heißen muss, dass sie ohne negative Folgen für es bleibt.
Bitte bleibt bei euren Kindern
Weil
das aber alles in allem so ist, möchte ich alle jungen Eltern
ermutigen, ja geradezu bitten, ihrem Kind ihre liebevolle Nähe zu
schenken und so lange wie möglich bei ihm zu bleiben.
Ich möchte sie ermutigen und bitten, die Seele ihres Kindes vor einem System der verfrühten Trennung zu schützen. Wäre
es nicht gut und auch für uns als Eltern wohltuend, liebevoll
abzuwarten, bis unser Kind die innere Reife erlangt hat, eine
zeitweilige Trennung von uns zu verkraften?
Ich möchte dazu ermutigen, alle verfügbaren Hilfen auszuschöpfen. Von
der Politik muss jedoch gefordert werden, dass sie ihren Kurs ändert
und bindungsfreundlichere Rahmenbedingungen für junge Familien schafft.
Denn wenn man die Kleinen schon befragen könnte, dann würden wohl 100 %
bei ihrer Mama sein (und bleiben) wollen. Niemals würden sie sich eine
Einrichtung wie eine Krippe selbst ausdenken, wie der Krippenforscher
Matějček es formuliert hat.
Ein Kind ohne Mutter ist eine Blume ohne Regen. (Indisches Sprichwort)
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