Unsere Hartz-IV-Erfahrung

25.02.15

Start mit einem kurzen Hallo! Bald hier mehr darüber, wer wir beide sind und was wir für Erfahrungen mit der Armut in Deutschland gemacht haben.

LG
Renate

19.06.16





Also das da oben sind Jürgen und ich im Jahr 2007, ist also eine Weile her, als dieses Bild gemacht wurde. Da hatten wir zwei uns gerade erst vor ein paar Wochen kennengelernt und der Jürgen war, soweit ich mich entsinne, da auch schon bei mir eingezogen. Inzwischen sind wir nun auch verheiratet, und zwar seit dem 1.3.13. Es war keine große Feier. Wir haben nur mit meinem jüngsten Sohn ein bisschen gefeiert. Viel mehr hätten wir uns an Feier vermutlich auch gar nicht leisten können. Es gab kein besonderes Outfit und nur eine standesamtliche Trauung, das war alles. Statt teurer Eheringe haben wir unsere alten Freundschaftsringe behalten. Es ist aber schon sicherer für jeden von uns, dass wir verheiratet sind, was wir uns bei näherer Betrachtung dann gesagt haben.

Wir sind beide geschieden. Wir haben beide erlebt, dass wir vorher Partner hatten, die uns in extreme finanzielle Schwierigkeiten gebracht haben, ich die Zwangsversteigerung meines Einfamilienhauses mit hohen Restschulden, Jürgen das gleiche mit seiner Eigentumswohnung. Alles mögliche sonst kam dann damals noch dazu. Davon erholt man sich finanziell nie mehr.

Wir haben beide erlebt, dass wir beim Versuch der Privatinsolvenz früher plötzlich kein Bankkonto mehr hatten und noch mehr Probleme als vorher statt weniger. Wir haben es beide auch nie wieder versucht. Es wäre sowieso egal.

Wir haben auch als Rentner kein pfändbares Einkommen und keine Bonität, jetzt bis zur Rente, was nicht mehr lange dauern wird, ebenfalls nicht.

Wir kennen beide also trotz irgendwann mal sehr gut bezahlten Jobs, einer hohen Qualifikation, guter Schul- und Berufsausbildung und und und, dass wir schon vorher bettelarm gewesen sind. Das passiert, wenn man sich in Menschen verliebt, die leider fremd gehen und ihr Geld und auch das des Partners lieber dort hin tragen als für die Familie zu sorgen.

Kinder, die so groß geworden sind, ziehen sich später auch von einem zurück .. leider ist das so.

Sie haben ja nur erlebt, dann man gehetzt viel gearbeitet hat, gestresst, genervt und in der Partnerschaft, was ich für besonders wichtig halte, da ungeliebt, auch der Unterlegene war. Man hat eben nur das zum Überleben wichtige Geld verdient und ansonsten viel gejammert, das man betrogen und hintergangen wurde.

Das schafft keine stabile Beziehung zu Kindern, ist leider so. Vielleicht verstehen sie es irgendwann mal, wenn sie älter geworden sind, wie schwer es war, sie überhaupt groß zu ziehen und dafür zu sorgen, dass nicht noch Schlimmeres passierte.

Als Jürgen und ich uns 2007 kennenlernten, waren wir anfänglich noch keine Hartz-IV-Empfänger.

Mein Ex zahlte mir 2 Monate lang noch vollen Unterhalt, dann noch 4 Monate einen Teil, dann nichts mehr, obwohl er eigentlich dazu verpflichtet gewesen wäre. Ich hatte einen Nebenjob und einen Pflegefall im Haus, das war meine Mutter, die damals noch die Pflegestufe I hatte und hochgradig dement war, was damals über die Pflege aber noch nicht anerkannt wurde.

Ich hatte dann und auch als sie in die Pflegestufe II kam, da die Demenz immer noch nicht anerkannt war, immer entsprechende Probleme mit dem Jobcenter, denn die schicken einem dann durchaus Vollzeitjob-Angebote zu, die dazu noch 50 km vom Wohnort weg liegen, obwohl man schon Probleme hat, mit dem Pflegefall seinen Nebenjob in der Nähe auszuüben. Ich konnte mich aber immer erfolgreich dagegen zur Wehr setzen.

Jürgen machte damals Leiharbeit, was ihm vom Jobcenter als die tolle Gelegenheit verkauft worden war, doch so wieder in seinen Beruf als CTA reinzukommen. Er war bei Randstad. Ich habe in über 3 Jahren, wo er da war, miterlebt, was Leiharbeit ist. Jürgen wurde zwar als CTA eingestellt, aber wirklich nie !!!! als CTA verliehen, allerhöchstens mal kurz ein paar Wochen zum Abfüllen von Chemikalien, das war alles, was auch nur berufsnah gewesen wäre. Ansonsten waren es immer kurzfristige Einsätze, immer Schichtdienst, oft Schwerstarbeit wie das Abladen von schweren Lasten von Schiffscontainern und dergleichen. Jürgen hat immer nur den Hilfsarbeiter-Lohn bekommen, nie den Facharbeiter-Lohn. Jürgen brauchte für diese Tätigkeit ein fahrbereites Auto, ein immer aufgeladenes Handy, immer eine farbige Druckpatrone zum Ausdrucken der Straßenkarten, damit er nachts oder sonstwann auch zu seinen Einsatzorten findet, musste zusätzlich oft noch direkt zu Randstad um abzurechnen.

Erstattet wurden nur 20 Cent pro km einfache Strecke einmal am Tag .. doppelte Fahren wurden gestrichen, auch die zu Randstad selbst, die Gebühren fürs Parkhaus, das Aufladen des Handys, die vielen farbigen Druckpatronen usw. natürlich nicht als Werbungskosten anerkannt.

Wenn ich nicht das Pflegegeld überm Satz gehabt hätte, hätten wir so viel an Minus, was Jürgen unter den Regelsatz ging durch diese Tätigkeit, gar nicht bezahlen können.

Irgendwann wurde Jürgen mehrmals krank, weil die Arbeit in einer Scheibenfabrik so schwer war, dass er ständig Sehnenscheidenentzündungen bekam. Da hat Randstad ihn entlassen. Bisher konnte Jürgen mit Erfolg sagen, sowas nie wieder. Aber versuchen tut das Jobcenter es immer wieder, einen in solche Jobs zu stecken.

Bei mir haben sie es immer wieder mit Callcenter-Angeboten versucht, obwohl keins davon etwas Langfristiges gewesen wäre. Das war schon so, als meine Mutter noch lebte und sogar, als ich noch fest immerhin den Nebenjob in einer Gärtnerei hatte, der dann ja weg gewesen wäre für so einen Kurzzeiteinsatz, der keinen weiter bringt.

Später, als wir beide Ende 2011 nach dem Tod meiner Mutter angefangen haben, als freiberufliche Texter zu arbeiten, ging das weiter.

Ich bin deshalb dann zum Arzt gegangen und habe nun vom Amtsarzt schriftlich vorliegen, dass ich aufgrund meiner Herzkrankheit nur noch eine leichte Teilzeittätigkeit im Büro für maximal 4 Stunden täglich ausüben könnte und dabei nicht ununterbrochen sitzen dürfte, sondern es ein Job sein müsste, wo ich zwischendurch laufen, stehen und sitzen kann und keine Treppen steigen muss. Ich bin halt nicht gesund. Zu Hause als Texterin kann ich so arbeiten. Seitdem habe ich relativ viel Ruhe und keinen Ärger mit dem Jobcenter mehr.

Jürgen war bei mehreren komplett sinnlosen Weiterbildungsmaßnahmen. Das einzige, was für ihn hilfreich wäre, nämlich SAP für Labortätigkeiten zu lernen, wurde ihm nicht genehmigt, wäre zu teuer, obwohl er ohne SAP heute als CTA in keinem Labor mehr die erforderliche Qualifikation mitbrächte, die verlangt wird.

Als unsere Miete erhöht wurde, hat man uns die 59 Euro, die sie nun zu hoch ist, vom Regelsatz gestrichen.

Ich setze es allerdings als Bürokosten ab, bin ja gewitzt, so bin ich diese Kosten, da wir 3 Zimmer und ein Büro haben, dann doch los geworden.

Die Klage an sich läuft schon jahrelang vorm Sozialgericht. Wie es ausgeht, keine Ahnung.

Die Mietobergrenzen werden hier nicht angepasst, obwohl es mal hieß, das sollte alle zwei Jahre passieren.

Wir waren auch länger als ja alte Leute in der früheren Gruppe 50plus.

Das war noch schlimmer als vorher. Inzwischen wurde das nun ja wieder abgeschafft.

Momentan hat man mich damit am Wickel, dass ich Rentenunterlagen schicken soll. Ich gehe davon aus, man wird mich zwingen, vorzeitig in Rente zu gehen, falls das überhaupt möglich ist. Ich weiß es nicht, diese Unterlagen sind für mich so kompliziert, ich blicke da nicht durch, ob ich überhaupt schon einen Anspruch auf Frührente hätte.

Wenn .. dann gehe ich davon aus mit Abzügen, fände das ungerecht, denn diese Abzüge hätte ich dann ja auch später noch bis an mein Lebensende.

Jürgen und ich werden sowieso beide nicht viel Rente kriegen und so könnte es dazu führen, dass wir später als vielleicht gerade so selbst genug Rente zu haben, durch solche Kürzungen dann noch ergänzend Grundsicherung beantragen müssen und vom Sozialamt abhängig wären.

Tja .. so sieht es bei uns aus.

Das Geld fehlt ständig an allen Ecken und Enden, aber wer hier lesen kommt, dem wird es vermutlich selbst auch so gehen.

LG
Renate
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Etwas, das indirekt auch zum Thema passt:






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Kommentare:

  1. Naja, 2 Pferde sind ja trotzdem noch drin . Da kann man wohl kaum von Armut sprechen!!!

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  2. Na ja .. die haben wir seit 23 beziehungsweise 12 Jahren, kriegen beide ihr Gnadenbrot ... müssen also mit überleben, auch wenn sie in Zeiten angeschafft wurden, als es finanziell noch anders ausschaute.

    Es wäre ohne sie leichter wegen der Freibeträge. Wir beide sind ja nicht vollkommen arbeitslos.

    Mit ihnen sind die Freibeträge aber mindestens .. eher mehr als die .. für die beiden dann weg.

    Insofern leben wir zwei ungefähr so wie jemand, der keine Möglichkeit hat, sich Freibeträge zu verdienen.

    Wir wissen deshalb schon, was rechnen heißt.

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