Freitag, 19. Oktober 2018

Warum konnten die Grünen in München geradezu explosionsartig zulegen?

Versuch einer Analyse



4,6%
Sonstige
16,1%
CSU
13,1%
SPD
42,5%
Grüne
9,1%
FDP
6,9%
Linke
3,7%
AfD
4,0%
FW
4,6%
Sonstige
Stand: 15.10.18
Das habe ich vor ein paar Tagen gefunden. Ein interessanter Bericht. Es lohnt sich, den mal zu lesen.

Es geht darum, wieso ausgerechnet in München die Grünen noch besser abgeschnitten haben als überhaupt in Bayern.

Ist lang, ich werde also nur ein paar Passagen rauskopieren. Wenn Euch das auch interessiert, sonst bitte mehr selbst im Link nachlesen.

https://www.sueddeutsche.de/muenchen/landtagswahl-in-bayern-muenchen-die-gruene-weltstadt-1.4171643
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Wahlergebnis in Bayern München, die grüne Weltstadt

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 Vorbei an Freiburg und Berlin-Kreuzberg: Nach der Wahl in Bayern liegt in München plötzlich der grünste Fleck der Republik. Wie wurde das möglich? Eine Spurensuche im grünsten Stimmbezirk. 
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 Das Kichern aus der Bäckerei hört man bis auf die Straße im Münchner Glockenbachviertel hinaus. "Wir haben gerade über Söders Kreuze gelacht", sagt der Mann, der drinnen Brote und Rosinenschnecken verkauft, als man fragend schaut. Er erzählt dann gleich weiter: dass er noch nie grün gewählt habe, sondern immer CSU, "weil ich fand, dass die für Bayern in Ordnung ist - aber jetzt nicht mehr". Eigentlich sei er mit seinen 59 Jahren kein Freund großer Veränderungen, "ich bin für Kontinuität und Stabilität". Aber so wie die CSU sich aufgeführt habe in den vergangenen Monaten, und hier ist er wieder bei Söders Kreuzerlass, sei sie nicht mehr seine Partei. Sogar seine Mutter hat er überzeugen können, erstmals die Grünen zu wählen - mit 87 Jahren.

 Es gibt viele dieser Geschichten in München. Sehr viele. Vor allem in "München-Mitte". Und so ist es also passiert. Bayern ist nicht mehr ganz schwarz. An zwei Stellen, München und Würzburg, ist das Grün durchgebrochen. Wie eine Pflanze, der es auch am unwirtlichsten, dunkelsten Ort gelingt, Wurzeln zu schlagen. Der größte grüne Fleck der Karte, das ist die bayerische Landeshauptstadt. Hier liegen die Grünen deutlich vor der CSU. Hier dominiert grün. Hier sind sie die stärkste Partei.
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 Der allergrünste Ort Bayerns, das ist der Stimmkreis 109 "München-Mitte", im Herzen der Stadt. Ludwig Hartmann, grüner Spitzenkandidat in Bayern, hat hier 44 Prozent der Erststimmen geholt. 42,5 Prozent der Gesamtstimmen gingen an die Grünen. Im Vauban, dem grünsten Wahlbezirk des grünen Freiburg, erhielt die Partei bei der Bundestagswahl 2017 mit 40,6 Prozent der Zweitstimmen nicht so viel Zuspruch. Und selbst in Kreuzberg-Friedrichshain gab es sowas noch nicht. In der grünen Hochburg Berlins hatte Christian Ströbele 2009 46,7 Prozent der Erststimmen erhalten, bei den Zweitstimmen waren es aber nur 27,4 Prozent. Weil sich das Wahlrecht Bayerns von dem im Bund unterscheidet, sind direkte Vergleiche schwierig. Das Ergebnis der Grünen in München-Mitte ist aber wohl das erstaunlichste für die Partei seit ihrer Gründung.
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Gäbe es ein eigenes München-Mitte-Parlament, könnten die Grünen fast alleine regieren, nur 1,4 Prozent fehlen. Die Freien Wähler und die AfD wären an der 5-Prozent-Hürde gescheitert, die Linke wäre drin.
Was ist da passiert? Was sind die Gründe für diese politische Umwälzung in München?
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Viele Singles, wenige alte Menschen

Der Stimmkreis 109 ist ein urbanes Gebiet. In ganz München wohnen mit etwa 5000 Menschen schon so viele Menschen auf einem Quadratkilometer wie in keiner anderen deutschen Stadt, in den Vierteln des Stimmkreises 109 ist die Bevölkerungsdichte teilweise mehr als dreimal so hoch.
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 Viele der Bewohner wohnen alleine, auch das entspricht dem Klischee. In Ludwigvorstadt-Isarvorstadt machen Einpersonenhaushalte knapp 65 Prozent aller Haushalte aus. Nur in der Altstadt und in der Maxvorstadt sind es noch mehr.
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 Als der ehemalige CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber vergangene Woche den Zugezogenen die Schuld dafür gab, dass seine Partei in den Umfragen so schlecht abschneidet, hat er wahrscheinlich auch von den Bewohnern des Stimmkreises 109 gesprochen: Während der durchschnittliche Münchner mehr als 19 Jahre in der Stadt lebt, ist die Fluktuation vor allem in der Isarvorstadt höher. Die Menschen, die hier leben, wohnen im Schnitt vier Jahre kürzer in der Stadt.
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Dort und auf der Schwanthalerhöhe ist die Bevölkerung auch multinationaler: Knapp jeder Dritte hat einen anderen Pass als den deutschen.
Die Bewohner gehören zudem im Schnitt zu den jüngsten Münchens. Der Altersdurchschnitt liegt im größten Teil des Stimmkreises unter 40 Jahre. Der durchschnittliche Münchner ist 41,2 Jahre alt.
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 Dabei wohnen in diesem Bereich, abgesehen von Haidhausen, weniger Familien mit minderjährigen Kindern. Alte Menschen zieht es auch weniger in das Viertel. Ein Großteil der Bevölkerung ist nicht nur im erwerbstätigen Alter, also zwischen 15 und 65 Jahren, sondern arbeitet auch. Die Arbeitslosenquote liegt größtenteils unter dem Münchner Durchschnitt von 3,5 Prozent, nur auf der Schwanthalerhöhe knapp drüber.
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Auch das Klischee der älteren Eltern trifft auf Stimmkreis 109 zu. Frauen bekommen hier relativ spät ihr erstes Kind.
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Unterschiede gibt es, was den Bildungsstand angeht. In einer Bürgerbefragung zur Stadtentwicklung gaben mehr als die Hälfte der Befragten in Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt und Au-Haidhausen an, mindestens die Fachhochschulreife zu haben, auf der Schwanthalerhöhe waren es weniger als 45 Prozent. Die meisten der Menschen hier gehen wählen, bei der Bundestagswahl 2017 waren es 80 Prozent.
Nicht einmal jeder Dritte besitzt einen eigenen Pkw. Münchenweit ist hingegen auf 37,9 Prozent der Einwohner ein Fahrzeug zugelassen.
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 "Wir haben das Lebensgefühl der bürgerlichen Mitte getroffen", sagt Spitzenkandidat Ludwig Hartmann, der in seinem Stimmkreis Mitte für das mit Abstand stärkste Ergebnis der Grünen sorgte. Die Menschen, gerade im Zentrum der Stad, leben gut und wirtschaftlich meist erfolgreich, sind oft weltoffen und europafreundlich, merken aber, dass die Stadt (auch das Land) an einem Punkt angekommen ist, an dem sich etwas ändern muss.


Sie erleben täglich, dass in der U-Bahn kein Platz ist, dass Radwege voll sind, dass Hortplätze fehlen, dass sie froh sein müssen, nicht umziehen zu müssen, weil sie sich die Stadt nicht mehr leisten können.
Sie erleben in Haidhausen, dass die Salzburger Autobahn vierspurig über die Rosenheimer Straße bis ins Zentrum reicht und ihr Viertel teilt. Sie hören, dass die Luft nicht sauber wird, wollen aber, dass endlich etwas passiert. Sie wollen wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen, und bezahlen dafür auch mehr. Die größte Bio-Supermarkt-Dichte in München dürfte rund um den Weißenburger Platz im Stimmkreis Mitte zu finden sein.
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Dass die Grünen Menschen ansprechen konnten, die mit der Politik und vielleicht auch mit ihrem Leben unzufrieden sind, zeigt auch der Zustrom von den Nichtwählern. 65 000 Zweitstimmen haben sie laut einer Analyse der Stadt von Menschen bekommen, die zuletzt nicht gewählt haben. Sie haben weitaus mehr Nichtwähler an die Urnen gelockt als alle anderen Parteien zusammen.
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 Auch die Großdemos diesen Sommer und Herbst in München zeigten, wie sehr sich viele eine neue Politik wünschen: So oft hintereinander gingen in München wohl noch nie so viele Menschen für so viele unterschiedliche Themen auf die Straße: gegen das Polizeiaufgabengesetz, gegen die Stimmungsmache gegen Ausländer und Minderheiten, für eine verträglichere Landwirtschaft. Die Grünen positionierten sich bei all diesen Themen als frische Alternative besonders zur CSU.
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 Den Rest findet Ihr wie gesagt oben im Link.

Das waren nur die für mich interessantesten Passagen daraus.

LG
Renate

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