Setze auch nen Link. Weil wäre schade, wenn der irgendwann nicht mehr da wäre.
Sie spricht sogar verständlich an, warum die Flüchtlingsproblematik leider so viele Menschen in die falsche Richtung lockt, erklärt das sehr gut .. findet Ihr im Verlauf dieses Interviews auch.
Ein großer Teil des Vermögens in
Deutschland ist neuesten Studien zufolge in den Händen von wenigen
Superreichen. Das klingt alles andere als gerecht. Wir haben mit Sahra
Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Linken, über das Thema soziale
Gerechtigkeit und die Koalitionsverhandlungen gesprochen.
Frau
Wagenknecht, demnächst erscheint Ihr Buch "Reichtum ohne Gier" als
Neuauflage. Soziale Gerechtigkeit ist ihr Thema und der Begriff hat sich
mittlerweile etabliert. Was bedeutet soziale Gerechtigkeit für Sie?
Sahra Wagenknecht: Soziale Gerechtigkeit bedeutet, dass
jeder die gleichen Chancen hat, sich Wohlstand und ein gutes Leben zu
erarbeiten. Auch, dass Kinder nicht aufgrund ihrer Herkunft
benachteiligt sind. Das Ergebnis des wirtschaftlichen Wachstums sollte
danach verteilt werden, was jeder einzelne dazu beiträgt.
Zudem müssen Menschen, die aus Krankheits- oder anderen Gründen nicht
so leistungsfähig sind, abgesichert sein. Soziale Gerechtigkeit
bedeutet hingegen nicht, dass der eine ein Milliardenvermögen bunkert
und andere haben zwei, drei Jobs und kommen trotzdem nicht auf einen
grünen Zweig.
Sie haben einmal gesagt, soziale Gerechtigkeit sei keine Leerformel. Was meinen Sie damit?
Soziale
Gerechtigkeit schließt aus, dass man von der Arbeit anderer reich
werden kann. Und wer heutzutage ein großes Vermögen erbt, der muss ja
eigentlich nicht mehr arbeiten, weil er von den Erträgen dieses
Vermögens leben kann.
Und je konzentrierter diese großen Vermögen
sind, desto mehr Macht ist mit ihnen verbunden. Sie finanzieren Think
Tanks und Parteien über Spenden. Sie kaufen sich damit auch Politik. Das
bedeutet, dass sich die Interessen einer Minderheit politisch immer
mehr durchsetzen gegen soziale Gerechtigkeit.
Wie bewerten Sie den politischen Einfluss des leistungslosen Kapitals?
Der
ist offensichtlich sehr groß. An der Vermögens- und Erbschaftssteuer
lässt sich dies belegen. Es ist doch bezeichnend, dass eine Mehrheit in
der Bevölkerung eine Vermögenssteuer für sehr Reiche befürwortet.
Außerhalb der Linken hat jedoch keine einzige Partei den Mut, eine
entsprechende Steuer zu fordern.
Ähnlich ist es bei der
Erbschaftssteuer. Jeder vernünftige Mensch würde einsehen, dass es
ungerecht ist, wenn jemand hunderte Millionen erbt, während Kindern aus
armen Familien noch nicht mal ein ordentlich finanziertes Bildungssystem
zur Verfügung steht.
Momentan gibt allerdings jenseits der Linken
keine Partei, die es befürwortet, die Erbschaftssteuer so zu gestalten,
dass Vermögen im mehrstelligen Millionen- oder Milliardenbereich
ernsthaft belastet werden. Im Gegenteil: Diese Steuer ist immer mehr
ausgehöhlt worden. Bei anderen Steuern hingegen ist man da weniger
zimperlich: Das Arbeitseinkommen wird gerade bei der Mittelschicht sehr
stark besteuert. Außerdem wurde in den letzten Jahren die Mehrwertsteuer
immer wieder erhöht.
Hat die Politik diesbezüglich ein Glaubwürdigkeitsproblem? Gerade, wenn man die aktuellen Verhandlungen verfolgt …
Ich
finde es wirklich traurig, dass in den Verhandlungen noch nicht mal von
SPD-Seite die Frage aufgeworfen wurde, wie eine geringere
Vermögensungleichheit zu erreichen ist. Die Vermögenssteuer ist von der
SPD aufgegeben worden, eine höhere Erbschaftssteuer ist gar kein Thema.
Die Ungleichheit der Vermögen ist demnach das Kernproblem?
Die
Ungleichheit der Einkommen ist schon sehr groß. Aber die Ungleichheit
der Vermögen ist viel, viel größer – und vor allem ist sie viel
gefährlicher. Weil sie eben mit der Verfestigung von Dynastien, also
einer Art neofeudaler Verhältnisse verbunden ist. Das heißt, die
Herkunft bestimmt immer mehr über die eigenen Lebenschancen. Die einen
sind über das Erbe abgesichert, während die armen Kinder von vornherein
zu spüren bekommen, dass sie nicht wertgeschätzt, dass sie allein
gelassen werden.
Die Formel lautet also: Nehmt‘s den Reichen? Ist es nicht zu
einfach, da nur zwischen Reich und Arm zu unterscheiden? Müsste die
Formel um Variablen ergänzt werden?
Na, es geht nicht nur
um Arm und Reich. Wir hatten mal eine Mittelschicht, die sehr gute
Chancen hatte, eigenes Vermögen aufzubauen, zu Wohlstand zu kommen. Die
war ja sehr breit. Geschichtlich gesehen hatten wir keine kontinuierlich
steigende Ungleichheit.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die
Ungleichheit in allen Industriestaaten, ganz besonders in Deutschland,
gesunken. Durch einen starken Sozialstaat, durch gute Arbeitsgesetze,
die Chancen auf einen stabilen Wohlstand gaben.
Durch die Politik
der letzten Jahre ist das aber immer mehr zerstört worden. Heute
schrumpfen die Vermögen der unteren Bevölkerungsschichten. Die sind ja
kaum noch existent. Auch in der Mittelschicht ist das so.
Durch die Nullzinspolitik werden die Menschen, die nur kleine
Sparguthaben haben, im Grunde enteignet. Währenddessen boomen die großen
Kapitalanlagen auf den Finanzmärkten. Es ist also eine Frage der
politischen Weichenstellung, und die hat nicht nur mit einer Vermögens-
und Erbschaftsteuer zu tun. Das betrifft vor allem auch die Regeln am
Arbeitsmarkt.
Leistung lohnt sich also in bestimmten Bereichen nicht, erben allerdings schon?
Wir
haben seit Jahren Gewinneinkommen, die sehr stark steigen. Auf der
anderen Seite haben wir immer mehr Arbeitsverhältnisse im
Niedriglohnsektor. In der Leiharbeit verdienen die Menschen sehr wenig.
Die Vermögenskonzentration wird dadurch befördert. Es sind ja meistens
die Reichen, die Betriebsvermögen, Immobilienvermögen oder Aktien haben
und von Dividenden profitieren. Auch im Immobiliensektor hat sich der
Staat immer mehr zurückgezogen. Wohnraum ist zum Spekulationsobjekt
geworden.
Soziale Gerechtigkeit ist ein wichtiges Thema. Wieso profitieren die Linke und die SPD nicht?
Ich
glaube nicht, dass das Thema nicht zieht. Wir haben bei der
Bundestagswahl das zweitbeste Ergebnis unserer Geschichte erzielt.
Natürlich würde ich mir wünschen, dass es mehr Menschen gäbe, die in der
Konsequenz Die Linke wählten.
Bei der SPD ist das anders. Sie
besetzt das Thema nicht glaubwürdig. Wer jahrelang eine Politik
betreibt, die soziale Ungleichheit vergrößert, kann schlecht im
Wahlkampf glaubwürdig sagen, dass er für soziale Gerechtigkeit steht.
Als Martin Schulz kurz nach seiner Wahl zum Parteivorsitzenden und
Kanzlerkandidaten ganz zaghaft einen Kurs für soziale Gerechtigkeit
angedeutet hatte, bekam die SPD plötzlich zehn Prozent mehr in den
Umfragen. Als klar wurde, dass das nicht ernst gemeint war, verlor sie
diese Prozente wieder.
Gesellschaftlich gibt es also durchaus den Wunsch nach einer
gerechteren, sozial ausgeglichenen Gesellschaft und nach sozialem
Zusammenhalt. Das zeigen auch Umfragen deutlich. Aber solange das
ausschließlich von der Partei Die Linke vertreten wird, haben die
Menschen nicht die Hoffnung, dass das irgendwann mal Regierungspolitik
werden kann.
Trotz dieses Wunsches lassen sich viele von
der Flüchtlingsthematik ablenken und folgen populistischen Stimmen –
obwohl diese beim Thema soziale Gerechtigkeit wenig anzubieten haben.
Wie erklärt sich das?
Für viele, die die AfD gewählt
haben, war es eine Wut-Wahl. Die Menschen haben ein Bedürfnis
mitzuteilen, dass sie mit dem Trend der politischen Entwicklung nicht
einverstanden sind. Das macht sich für viele auch an der
Flüchtlingsfrage fest, die ja ebenfalls eine ökonomische Implikation
hat. Das wird leider auch von linken Parteien zu wenig thematisiert,
oder es wird geleugnet.
Natürlich haben politisch verfolgte Menschen ein Recht auf Asyl. Aber
Arbeitsmigration kann zu einem Druck auf die Löhne im Niedriglohnsektor
führen. Gerade die Betroffenen, die durch die Politik der letzten Jahre
ganz viel verloren haben, empfinden das dann als direkte Bedrohung.
Ein
Problem ist auch: Der Reichtum der Reichen ist für viele gar nicht
fassbar. Den erleben und sehen sie nicht. Der ist nicht vor ihrer
Haustür. Wenn sie jedoch schon ewig auf eine Sozialwohnung warten und
dann erfahren, dass statt ihrer eine Flüchtlingsfamilie die Wohnung
bekommt – das erleben diese Menschen, das ist ihre Lebenswelt. Leider
instrumentalisieren politische Kräfte wie die AfD diesen Ärger. Das ist
besonders hinterhältig, weil die AfD die sozialen Forderungen der
Menschen überhaupt nicht in ihrem Programm hat.
Auch armen Menschen sieht man die Armut nicht unbedingt an …
Ja,
das stimmt zum Teil. Gerade Menschen, die einen Abstieg erlebt haben,
sieht man das nicht an. Diese Menschen gehörten einmal zur Mittelschicht
und tun oft alles, um von außen immer noch so wahrgenommen zu werden.
Aber es gibt Bereiche in Deutschland, wo in erschreckender Weise Armut
sichtbar ist – in bestimmten Wohngebieten etwa.
Man sieht es auch
in den Gesichtern vor allem derer, die schon lange Hartz IV beziehen.
Sie spiegeln eine Existenz, die für sie demütigend und zutiefst
unbefriedigend ist. Es ist belegt, dass eine solche Biografie zu einem
Anstieg an psychischen Erkrankungen führt. Und nicht zu vergessen: Arme
haben in Deutschland eine um elf Jahre geringere Lebenserwartung als
Reiche. Armut macht krank.
Der Bund gibt große Summen für Sozialausgaben aus. 2016 waren
es laut Sozialbericht etwa 918 Milliarden Euro. Ein Anstieg um 3,7
Prozent zum Vorjahr. Ist das ein Widerspruch?
Man muss
auch sehen, dass zum Beispiel für Renten in Deutschland viel weniger
ausgegeben wird als etwa in Österreich, selbst weniger als im
Durchschnitt der EU. Immer mehr alte Menschen sind arm.
Zu den
sozialen Ausgaben zählen natürlich auch Ausgaben, die eigentlich eher
der Indikator für soziale Verschlechterung sind. So werden etwa zehn
Milliarden Euro im Jahr allein dafür ausgegeben, Niedriglöhne zu
subventionieren. Das sind die sogenannten Hartz-IV-Aufstockerleistungen.
Würde
man den Mindestlohn auf zwölf Euro erhöhen, würde wahrscheinlich ein
Großteil dieser Gelder wegfallen. Das heißt, die Sozialausgaben würden
sinken. Dass der Arbeitsmarkt so ist, wie er ist, verursacht also höhere
Sozialausgaben. Das ist nicht sozial, das ist unsozial.
Für das Sondierungspapier haben sie Union und SPD scharf
kritisiert. Auf den ersten Blick klingen allerdings einige Maßnahmen so
unsozial zunächst nicht – Stichwort Entlastung der Eltern bei
Kita-Gebühren bis hin zur Gebührenfreiheit. Wie bewerten Sie die
angedachten Maßnahmen?
Zum Teil sind es Versprechen, die
nicht unterlegt sind. Es gibt kleine Korrekturen, die zwar
Verbesserungen darstellen, aber es ändert an der grundsätzlichen
Richtung von der wachsenden Ungleichheit nichts.
Gebührenfreie
Kitas finde ich gut, aber es müssen auch qualitativ gute Kitas sein.
Nicht, dass es am Ende Billig-Verwahranstalten für Kinder gibt. Doch das
kostet richtig Geld. Deutschland könnte das finanzieren, aber dieses
Geld ist nirgendwo im Haushalt eingestellt. Und es lässt sich auch nicht
einfach mal aus den Überschüssen finanzieren.
Dass die Parität bei den Krankenkassenbeiträgen wiederhergestellt
wird, die eine frühere Große Koalition aufgehoben hat, ist löblich. Aber
paritätisch ist die Krankenversicherung deswegen noch lange nicht. Es
bleibt bei den Zuzahlungen, die die Kassenpatienten selbst leisten
müssen. Es bleibt natürlich auch bei einer Zwei-Klassen-Medizin.
Die
Grundrente soll bei 890 Euro liegen. Das ist eine Demütigung für
Menschen, die 35 Jahre oder länger gearbeitet haben. Das würde immer
noch bedeuten, dass Deutschland eines der schlechtesten Rentensysteme in
Europa hat. Nahezu überall ist das Rentenniveau gerade für Menschen,
die wenig verdient haben, deutlich höher als in Deutschland.
Würde eine neue GroKo demnach soziale Ungerechtigkeit weiter zementieren?
Die Große Koalition, so wie sie jetzt angedacht ist, würde im
Wesentlichen die gleiche Politik machen wie die Große Koalition in der
letzten Wahlperiode. Im Kern würde sich da nicht viel ändern. Von wegen
Erneuerung und neuer Aufbruch – sie macht nahtlos die gleiche Politik
mit wenigen Korrekturen.
Es sind keine Maßnahmen vorgesehen, die den Trend sozialer Ungerechtigkeit stoppen oder umkehren würden.
Wo haben SPD und Linke Gemeinsamkeiten? Und wäre irgendwann ein Bündnis im Bund möglich?
Ich
glaube, dass sich viele SPD-Wähler eine Politik wünschen, wie sie
früher in der SPD etwa unter Willy Brandt war. Eine soziale
Reformpolitik. Dann hätten wir viele Gemeinsamkeiten. Eine SPD, die
wieder zu ihren Ursprüngen zurückkehrt, mit der könnte man gut
zusammenarbeiten. Doch mit der heutigen SPD ist das offensichtlich kaum
möglich.
Andrea Nahles hat die Sondierungsergebnisse ausdrücklich damit
gerechtfertigt, dass die SPD ja eigentlich gar nicht mehr erreichen
wollte. Das seien 80 Prozent des SPD-Wahlprogramms. Wenn das tatsächlich
so ist, dann gibt es also 80 Prozent Gemeinsamkeiten mit der CDU. Dann
ist ein Bündnis mit den Linken äußerst schwierig.
Halten Sie also das S im Namen der Partei für Etikettenschwindel?
Seit
Gerhard Schröder hat die SPD daran mitgewirkt, die soziale
Ungerechtigkeit gravierend zu vergrößern. Die Agenda 2010 war der
Durchbruch eines entfesselten Kapitalismus, den Deutschland vorher so
nicht hatte. Die Wähler hatten das nicht erwartet, und das zeigt sich im
Wahlergebnis sehr deutlich. Der SPD laufen die Wähler weg.
Wo muss man ansetzen, um den großen Wurf für Deutschland zu machen?
Wo
man auf jeden Fall zuerst ansetzen muss, ist eben der Arbeitsmarkt.
Denn wenn die Leute immer weniger verdienen, weil der Niedriglohnsektor
wächst, wenn die Zahl prekärer Beschäftigungsverhältnisse wächst, dann
ist auch die gesamte Sozialversicherung auf tönernen Füßen. Denn die
hängt an den Löhnen.
Auch die Renten hängen daran …
Genau.
Dadurch, dass die Löhne vom Wirtschaftswachstum abgekoppelt wurden,
steigen sie nicht mehr stark. Dadurch können auch die Renten nicht mehr
steigen. Aber auch die Arbeitslosenversicherung ist davon betroffen.
Immer wieder wurden zudem die Beiträge gesenkt.
Wir müssten den
Arbeitsmarkt also so regulieren, dass die Löhne wieder steigen. Im Kern
müssen die Agenda-2010-Reformen zurückgenommen werden.
Was fordern Sie genau?
Wir brauchen ein Verbot
für Befristungen, für die es keine zwingenden Gründe gibt. Man muss
Leiharbeit regulieren – etwa nach französischem Vorbild. Ein
Leiharbeiter könnte dann mehr verdienen als ein regulär Beschäftigter –
durch eine Flexibilitätszulage. Tarifverträge sollten zudem viel stärker
allgemeinverbindlich gestaltet werden. Das alles ist elementar.
Allein
werden diese Maßnahmen die Probleme aber nicht lösen. Denn wenn zum
Beispiel die Rentenkürzungen nicht zurückgenommen werden, werden auch
steigende Löhne nicht unbedingt das Problem der Altersarmut lösen. Sie
wären aber eine Voraussetzung dafür.
Wo sehen Sie Deutschland im europäischen Vergleich?
Die
Ungleichheit hierzulande ist eine der größten. Wir haben in Deutschland
eine massive Konzentration von Vermögen – noch stärker als in den
anderen Ländern. Das heißt, die Mittelschicht hat weniger Vermögen, die
Reichsten haben mehr.
Und wir haben bei den Einkommen beispielsweise im Niedriglohnsektor
tatsächlich eine größere Armut und damit eine größere Ungleichheit als
andere europäische Länder. Hier ist Deutschland leider auf einem
negativen Spitzenposten.
Welche Länder machen es besser und warum?
Es
gibt in vielen Ländern Regelungen in bestimmten Bereichen, die besser
sind als bei uns. Nehmen Sie zum Beispiel Österreich. Das Nachbarland
hat eine sehr gute Rentenversicherung. Alle zahlen ein und ein
Durchschnittsrentner bekommt etwa 800 Euro mehr.
Oder Dänemark:
Das Land hat eine deutlich sozialere Organisation des gesamten
wirtschaftlichen Lebens – und eine deutlich niedrigere Ungleichheit. Das
gilt auch für andere skandinavische Länder. Sie geben auch wesentlich
mehr für Bildung aus. Daran kann sich Deutschland orientieren. Das ist
besser, als sich an einem angelsächsischen Kapitalismus zu orientieren.
Glauben Sie wirklich, dass alle Gerechtigkeitsfragen zu lösen wären?
Man
kann sicher nicht die globalen Fragen sozialer Gerechtigkeit lösen,
aber Deutschland könnte erheblich mehr dafür tun, dass es auch auf
globaler Ebene gerechter zugeht. Es könnte aufhören, ärmeren Ländern
Freihandelsabkommen aufzuzwingen, die diese Länder noch ärmer machen.
Deutschland könnte auch endlich aufhören, Waffen in Spannungsgebiete zu
liefern.
Bezogen auf Deutschland selbst muss man sagen, dass die
These, der Nationalstaat könne nichts regeln, auf einer Lüge beruht. Es
ist eine bewusste politische Irreführung, so zu tun, als seien die
einzelnen Staaten gar nicht mehr in der Lage, das Wirtschaftsleben im
Interesse ihrer Bürger zu gestalten. Es ist eine platte Ausrede, um sich
nicht mit den mächtigen Lobbys anzulegen.
Wir sehen sehr wohl,
dass es Staaten gibt, die ihre Bürger vor einem entfesselten globalen
Wettbewerb schützen und die trotzdem sehr erfolgreich ihre Wirtschaft
entwickeln. Dem Steuerdumping könnte man in Deutschland einen Riegel
vorschieben.
Man könnte Finanzflüsse mit einer Quellsteuer
belasten, wenn im Empfängerland nicht entsprechend versteuert wird. Man
kann sehr viel mehr machen.
Vielen Dank für das Gespräch.